Was ist eigentlich… der Wiener Westbahnhof?

Der Wiener Westbahnhof ist seit jeher ein Dreh- & Angelpunkt für unterschiedlichste soziale Zielgruppen. Reisende flanieren auf den drei Ebenen und durchsuchen die Läden nach Brauch- und/oder Essbarem, WienerInnen gehen gezielt von der U3 zur U6 oder steigen in eine Straßenbahn bzw. eine Schnellbahn ein, OrdnungshüterInnen kontrollieren die Aufenthaltsbereiche und SozialarbeiterInnen jagen Obdachlosen, Abhängigen und Sexarbeiterinnen hinterher.

Jedoch geht der Begriff Westbahnhof weit über das Bahnhofsareal hinaus. In der lokalen sozialen Arbeit beschreibt der Westbahnhof jene Bereiche, die sich von der Neubaugasse über den Gürtel bis in die äußere Mariahilferstraße hinein beziehen. Der zentralste Punkt wird wahrscheinlich von der Gruft markiert, stadtauswärts halten sich vor allem Punks in den Bereichen der inneren Mariahilferstraße bis zum Gürtel auf, Gürtel und Felberstraße sind dann der Bereich der Sexarbeiterinnen und das Bahnhofsgelände wird zumeist von Alkoholabhängigen und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen aufgesucht, die sich tendenziell zum nahe gelegenen Gumpendorfer Gürtel und dem Jedmayer (Suchthilfe Wien) bewegen.

Die Stadt Wien, respektive die Ordnungsorgane der Stadt, führen diverse Maßnahmen durch um die BürgerInnen und TouristInnen vor diesen „sozialen Randgruppen“ zu separieren, zu schützen. Dies wirkt sich ebenso auf das Klientel der SozialarbeiterInnen und jene selbst aus. Eine Gruppe von SozialarbeiterInnen nahm sich dieser Thematik an und kritisierte diese sogenannten Vertreibungstaktiken. Ein ehemaliger Mitarbeiter der Streetworker am Praterstern beschrieb einst die Auswirkungen der Vertreibung der Abhängigen vom Karlsplatz durch Videoüberwachung mit gewissem Sarkasmus dahingehend, dass dies für SozialarbeiterInnen ein durchschlagender Erfolg war – nun müssen sie tatsächlich aufSUCHENde soziale Arbeit leisten, da sie ihre KlientInnen, die davor alle an einem Ort versammelt waren, nun in der ganzen Stadt suchen müssten. Darüber hinaus seien SozialarbeiterInnen in der Peripherie weniger geschützt, da auch körperliche Übergriffe durch die Anwesenheit der unzähligen Menschen vermieden wurden. Diese Entwicklung der Vertreibungspolitik ist nun auch am Wiener Westbahnhof zu beobachten. Für manche sicherlich eine positive Entwicklung, für Andere eher negativ…

Quelle: Brock, L., Formanek, K., Reismüller, I. & Shams-Ghamari, S. (2010): Transformation innerstädtischer Räume und Rahmen im Rahmen von Ordnungs- und Sicherheitspolitiken und Auswirkungen auf die Soziale Arbeit am Beispiel des „Wiener Westbahnhofes“. In: Soziales Kapital. Wissenschaftliches Journal österreichischer Fachhochschulstudiengänge Soziale Arbeit. Nummer 6, 2010.

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